Viele Schiffe am Untersee schaffen es nicht mehr ins Winterlager.
Bild: Nico Leuthold / nau.ch
29.10.2026 17:00
Viele Boote schaffen es nicht ins Winterlager
Hohe Rechnungen statt schöne Stunden auf dem See. Dario Husz von Bär's Bootservice erzählt von mehr Unfällen, Frustration und Verständnis
Der historisch tiefe Wasserstand des Untersees bringt Bootsbesitzer in eine aussergewöhnliche Lage. Manche Schiffe kamen diesen Sommer gar nie ins Wasser, andere liegen inzwischen auf Grund und können nicht mehr ausgewassert werden. Für Dario Husz, Geschäftsführer der Bär’s Bootservice GmbH, ist es eine Saison, wie er sie noch nie erlebt hat.
Untersee «Bereits im Juli und August haben wir Boote ausgewassert. Andere schafften gar nie den Weg ins Wasser und verbrachten den Sommer in unserem Lager. Und wieder andere werden es dieses Jahr wohl nicht mehr an Land schaffen», erzählt Dario Husz. Bär’s Bootservice lagert rund 250 Schiffe von Eglisau bis Kreuzlingen ein und war dieses Jahr gefordert, für die Kunden in der schwierige Situation Lösungen zu finden. Wegen des niedrigen Wasserstandes und auch wegen dem allgemeinen Mangel an Liegeplätzen war ihr Sommerlager dieses Jahr ausgelastet. Auch wenn der Hafenplatz heuer nicht genutzt werden konnte, die Rechnung flatterte seitens der Gemeinde trotzdem ins Haus. Dazu fällt zusätzlich die Sommerlagerung in den Werften an. «Trotz finanziellem Mehraufwand herrschte viel Verständnis bei den Bootsbesitzern», stellt Husz fest.
Auch der Betrieb ist betroffen: Bär’s Bootservice hat bei der Stadt Steckborn zehn Bojenplätze gemietet weitere zehn vom Kanton. Rund die Hälfte davon konnten in dieser Saison nicht genutzt werden. «Und Wir mussten sie trotzdem regulär bezahlen und das Geld dem Kunden weiterverrechnen.» Eine Handvoll Bootsbesitzer hätten inzwischen sogar die Lust am eigenen Schiff verloren und dem Betrieb den Verkaufsauftrag erteilt. «Bei diesen geht der Trend eher Richtung Mieten.»
Mehr Unfälle
Spürbar war das Niederwasser auch bei den Schäden. «Die Unfälle haben sich dieses Jahr gehäuft», sagt Husz. Kaputte Getriebe, beschädigte Propeller oder verkratzte Unterwasserschiffe seien keine Seltenheit gewesen. Immer wieder habe der Betrieb Boote abschleppen und reparieren müssen. Immerhin: Öl sei bei keinem der Vorfälle ausgelaufen. Dass die geringe Wassertiefe teilweise schwer einzuschätzen sei, könne Husz nachvollziehen. Gleichzeitig habe ihn überrascht, dass manche Besitzer nicht früher reagiert und ihr Schiff früher ausgewassert hätten. «Man konnte live miterleben, wie der See zurückging.» Die Entwicklung sei über längere Zeit absehbar gewesen.
Sonderregelungen
Wie aussergewöhnlich die Situation inzwischen ist, zeigen auch die Sonderregelungen rund um den See. In Ermatingen etwa endet die Saison für Wasserliegeplätze regulär am 10. November. Wegen des tiefen Wasserstands können die gemeindeeigenen Slipanlagen derzeit jedoch nicht mehr genutzt werden. Boote, die im Schlick festsitzen und nur mit unverhältnismässigem Aufwand oder möglichen Schäden entfernt werden könnten, dürfen gemäss einer Mitteilung des kantonalen Amts für Umwelt vorerst liegen bleiben. Sobald der Wasserstand wieder steigt und sie frei schwimmen, müssen sie jedoch möglichst rasch ausgewassert werden. Die Besitzer sind zudem verpflichtet, die Schiffe winterfest zu machen und sicherzustellen, dass keine Treibstoffe oder Öle ins Gewässer gelangen. Sollte es überraschenderweise doch noch möglich werden, einzelne Boote aus dem Wasser zu holen, fehlt vielerorts inzwischen die nötige Infrastruktur. «Steckborn ist sozusagen der Rettungshafen mit seinem Kran», sagt Husz. Doch auch dort ist das Zeitfenster begrenzt: Der Kran ist nur bis zum 14. November in Betrieb.
Boote über den Winter im Wasser oder am Ufer zu belassen, sei grundsätzlich kein Problem, sofern sie entsprechend vorbereitet werden, aber nicht risikofrei und werterhaltend. Frostschäden an den Borddurchlässen, durscheuern der Rümpfe bei Wind und Wetter mit zu wenig Wasser unter dem Rumpf sind das grosse Problem. «Wir sind dran, die aufgelaufenen Boote winterfest zu machen. Das würden wir im Winterlager sowieso tun.» Eine ungewöhnliche Seite hat die Situation dennoch. In anderen Jahren wäre sein Betrieb um diese Zeit längst mit dem Auswassern ausgelastet. 2026 dagegen sind manche noch immer unterwegs. «Solange es der Untersee zulässt, sind es zumindest die, die noch Wasser unter dem Rumpf haben.»
Von Desirée Müller