16.07.2025 09:45
Neues «Rezept» für die Hausarztkrise am Untersee
Die Region bangte schon lange über die Zukunft der ärztlichen Versorgung in Steckborn und Umgebung. Nun gibt es eine Lösung
In Steckborn entsteht Anfang 2026 ein neues Ärztezentrum – und so eine Lösung für ein Problem, das über Jahre hinweg immer drängender geworden war. Gemeinsam mit der Ostschweizer Praxisgruppe Polipraxis sowie drei lokalen Haus-ärzten schafft die Stadt eine zukunftsfähige Struktur für die ambulante medizinische Versorgung am Untersee.
Steckborn Auslöser war ein Schreiben vom Januar 2025: Drei langjährig praktizierende Steckborner Hausärzte Dr. med. Esther Henzi, Dr. med. Lucas Henzi und Dr. med. Daniel Vuilleumier wandten sich an den Stadtrat mit einer klaren Botschaft: Sollten keine konkreten Massnahmen zur Sicherung der hausärztlichen Versorgung folgen, würden sie in absehbarer Zeit ihre Praxen schliessen. Der Ärztemangel, die Altersstruktur der Ärzteschaft und die fehlende Perspektive für eine geregelte Übergabe machten eine Reaktion zwingend.
Stadtrat reagiert schnell
Der Stadtrat erkannte die Dringlichkeit und initiierte umgehend eine gemeinsame Lagebeurteilung. Dabei zog er den erfahrenen Gesundheitsberater Dr. Sven Bradke bei, der beauftragt wurde, innerhalb weniger Monate eine tragfähige Projektidee zu entwickeln. Bradke nahm diskret und unter Einhaltung strikter Vertraulichkeit Kontakt zu potenziellen Partnern im Gesundheitswesen auf , darunter Ärztinnen und Ärzte, Praxisnetzwerke, medizinische Organisationen und Spitäler. Ziel war eine so genannte «aktive Ansiedlung»: die gezielte Herbeiführung eines neuen Angebots in der Stadt. Fündig wurde man bei der Polipraxis-Gruppe, einer in der Ostschweiz etablierten Praxisorganisation mit zwölf Standorten in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Unter der Leitung ihres CEO Dr. med. Marcello Corazza suchte die Gruppe gezielt nach neuen Standorten. Der Kanton Thurgau war bisher ein weisser Fleck. Gemeinsam mit den drei Steckborner Hausärzten wird Polipraxis nun im Obergeschoss des Neubaus «Nautilus» auf dem Feldbachareal ein modernes Ärztezentrum realisieren. Die Fläche umfasst rund 450 Quadratmeter. Der Projektname: «Ärztezentrum am Untersee».
Sanfter Übergang mit Ausbildung und Nachwuchsförderung
Die drei beteiligten Hausärzte sind nicht nur Angestellte des neuen Betriebs, sie werden sich als Verwaltungsratsmitglieder in die «Polipraxis Steckborn AG» einbringen, so der offizielle Name der im Handelsregister eingetragenen Trägergesellschaft. Ziel ist eine schrittweise Übergabe der medizinischen Verantwortung an jüngere Kolleginnen und Kollegen, die von den erfahrenen Ärzten eingearbeitet und begleitet werden sollen. Das Modell versteht sich als Antwort auf den Ärztemangel und will auch für jüngere Ärztinnen und Ärzte attraktiv sein. Die neue Struktur bedeutet für sie aber auch eine grundlegende Veränderung. «Wir müssen uns auf eine neue Art der Zusammenarbeit einlassen», sagt Dr. Daniel Vuilleumier. Jahrzehntelang war die Einzelpraxis Standard. Nun geht es um Teamarbeit und gemeinsame Entscheidungen. Vuilleumier zeigt sich vorsichtig optimistisch, betont aber auch: «Wenn es zwischenmenschlich nicht funktioniert, sind wir auch bereit, wieder zu gehen. Das wurde von Anfang an offen kommuniziert.» Der Vertrauensaufbau im neuen Modell sei entscheidend.
Fachärzte ja oder nein?
Ein weiterer Diskussionspunkt betrifft die mögliche Einbindung von Fachärztinnen und Fachärzten. Laut Polipraxis-CEO Dr. Marcello Corazza sei die Infrastruktur im «Nautilus» grosszügig geplant: «Wir haben genügend Platz, um bei Bedarf auch Spezialsprechstunden zu ermöglichen – etwa durch Orthopäden oder Internisten.» Gerade jüngere Ärztinnen und Ärzte würden den fachlichen Austausch im Team schätzen, so Corazza: «Sie arbeiten gerne interdisziplinär und sie sind froh, wenn spezialisierte Kolleginnen und Kollegen direkt vor Ort sind.» Dr. Daniel Vuilleumier sieht das etwas anders: «Wir Hausärzte decken fast alle medizinischen Fälle selbst ab. In der Regel braucht es keine Überweisung.» Für ihn ist die breite hausärztliche Versorgung eine Kernkompetenz. Corazza widerspricht nicht direkt, merkt aber an: «Das zeigt auch die Erfahrung einer älteren Ärztegeneration – aber bei der Nachwuchsgewinnung müssen wir mitdenken, wie junge Ärztinnen und Ärzte künftig arbeiten wollen.»
Investition in regionale Zukunft
Die Kosten für den Aufbau des Ärztezentrums belaufen sich auf rund 1,5 Millionen Franken. Ein erheblicher Teil davon wird durch die Polipraxis getragen, doch auch die Stadt und die Region engagieren sich. Die Stadt Steckborn stellte im ordentlichen Budget 2025 bereits Mittel für Abklärungen und Vorbereitungen bereit und unterstützt das Projekt darüber hinaus mit einem zinsvergünstigten Darlehen über 100'000 Franken sowie einem nicht rückzahlbaren Beitrag von 50'000 Franken. Auch die Nachbargemeinden Berlingen und Mammern beteiligen sich: Sie haben zinsvergünstigte Darlehen in der Höhe von 44'000 beziehungsweise 32'000 Franken in Aussicht gestellt. Damit unterstreichen sie die Bedeutung des Projekts für die gesamte Region.
Strategischer Kraftakt
Der Stadtrat betont, dass das Projekt bewusst als strategisches Geschäft behandelt wurde, also nicht dem üblichen verwaltungstechnischen Ablauf überlassen blieb, sondern aktiv vorangetrieben wurde. Alle notwendigen Verträge sind inzwischen unterzeichnet, die baulichen Vorbereitungen laufen, der Zeitplan steht. «Die Idee eines Ärztehauses am Untersee ist nun Realität geworden», sagt Stadtpräsident Moritz Eggenberger. «Wir wollten eine Lösung, die über Jahre hinaus trägt. Ich bin stolz, dass Steckborn den Mut hatte, diesen Schritt zu gehen.»
Von Desirée Müller