Christina Aus der Au und Nathalie Christen.
19.02.2026 10:25
Live aus dem Bundeshaus
SRF Bundeshaus-Korrespondentin Nathalie Christen wurde von der Volkshochschule Mittelthurgau eingeladen
Mit viel Schalk, klaren Prinzipien und ehrlicher Begeisterung stellte sich SRF BundeshausKorrespondentin Nathalie Christen in Weinfelden den Fragen von Religions- und EhtikProfessorin Christina Aus der Au. Die Journalistin erzählte vor fast 200 Gästen von ihren Anfängen in der Schülerzeitung, harten Interviews und warum guter Journalismus heute wichtiger ist denn je.
Weinfelden Noch bevor Bundeshaus, Mikrofone und Livesendungen ihr Alltag wurden, begann alles an der Kantonsschule Schaffhausen als Leiterin der Schülerzeitung. Dort wagte sich Nathalie Christen an ihre erste Story: eine Umfrage beim lokalen Bäcker, ob die Brötchen den Schülerinnen und Schülern schmeckten. Das Resultat fiel, diplomatisch formuliert, eher durchzogen aus. «Der Bäcker war entsprechend hässig»,erzählt Nathalie Christen. Schon dort habe sie gespürt, wie Journalismus wirkt. Wie ehrliche Fragen Reaktionen auslösen können, wie Nähe entsteht, aber auch Reibung. Ein erstes kleines Lehrstück über Verantwortung, Wirkung und den Mut, genau hinzuschauen. «Doch seine Studentenschnitten waren mega», sagt sie versöhnlich mit einem Lächeln.
Journalistin mit Prinzipien
Nach der Matura ging Nathalie Christen zu Radio Munot, moderierte abends – «praktisch, da hört nicht jeder mit, wenn man Fehler macht» – und lernte das Handwerk von Grund auf. Später folgten Stationen bei der Schweizer Illustrierten und SonntagsBlick. Bereits im Einstellungsgespräch bei letzterem liess sie verlauten, dass wenn jemand einen Titel vonihrändere, sienichtdahinter stehen könne, und noch am gleichen Tag kündige. Einmal war sie knapp davor, doch: «Ich konnte die Situation entschärfen.» Christen hat ihre Prinzipien, das merkt man schnell.
Hart aber fair
2002 landete sie schliesslich beim Radio und Fernsehen und wurde zur prägenden Stimme aus dem Bundeshaus. «Vom Schreiben zum Reden war ein grosser Schritt», sagt sie. Fernsehen sei wahnsinnig aufwendig. «Jeder Satzbraucht ein Bild.Und bis dieses Bild steht, ist es Teamarbeit: Recherche, Grafik, Schnitt.» Christina Aus der Au fragt, ob sie immer gewusst habe, dass Politik ihr Thema sei? Nathalie Christen schüttelt den Kopf. «Es gab Phasen, da warich unsicher.» Sie erzählt von einemUSA-Urlaub und einem Aufenthalt in Las Vegas in einem der schillernsten Hotels. «Ich textete meinen Mann die ganze Zeit voll mit meinen politischen Analysen, obwohl es um uns herum so vieles zu sehen gab. Irgendwann schaute er mich lächelnd an und ich wusste, in diesem Ressort bin ich zu Hause. Als Moderatorinder«Samstagsrundschau» führt sie harte Interviews. Doch was heisst hart für sie? «Hart ist der Inhalt», sagt sie. «Ich greife Argumente an, nicht Menschen.» Sie bekomme Mails – «typisch links!» – oder umgekehrt. Doch ihre Fragen bestimmten nicht ihre Haltung, sondern der Gast und dessen Aussagen. «Ich möchte kritisch hinterfragen, aber als Mensch verstehen.» Noch nie habe sie einen wirklich wütenden Interviewgast erlebt. «Wir sind alles Menschen. Auch Politiker. Auch wenn man es manchmal vergisst», fügt sie mit einem Augenzwinkern an. Ihr Anspruch sei es, allen Interviewten danach noch in die Augen sehen zu können. Ob sie schon mal am liebsten aus einem Interview geflüchtet wäre,fragt die Moderatorin. Christen überlegt lange und beginnt zu Schmunzeln. «In der Tat», sagt sie und erzählt. So sprach sie vor laufender Kamera mit einem französisch sprechenden Gast. Sein Deutsch reiche für ein Gespräch aus, hiess es. Doch: «Entweder verstand er meine Fragen nicht oder tat so, und antwortete etwas ganz anderes.» Sie wollte schon fast aufgeben, fand dann aber einen Weg der Kommunikation. Durchhalten lohne sich.
Woher die Infos kommen
«Ich habe meine Quellen, meine Informanten», erzählt sie offen. Dieser Pool werde immer wiedermal von ihr «ausgemistet». Ein Klumpenrisiko ist zu gefährlich. Gerne komme sie auch mit den Leuten auf den«hinteren Bänken» ins Gespräch. Sie erfahreauchvieles,wassiereinalsHintergrundwissen für sich verwende, und nicht vor der Kamera aussprechen würde. Ein delikater Tanz zwischen Vertrauen schaffen und Primeur bringen. Medien werden anders konsumiert als früher. Sendungen in Echtzeit vor dem Fernseher anzuschauen wird immer mehr zur Ausnahme - zumindest bei den jungen Leuten. Social Media als Alternative sei keinesfalls die Lösung. «Tiktok,Insta und Co. sind nicht kontrollierbar. Das ist gefährlich. Wir leben in einer Zeit, in der Macht wieder stärker ist als Regeln. Das beschäftigt mich.» Sie spricht von Deepfakes, Social Media, organisierter Kritik. «Wenn irgendwann alle sagen:Ich schaue gar nichts mehr, weil ichnichtweiss,was stimmt,dannhaben wir ein Problem.» Nathalie Christens Auftritt zeigte, wie sehr sie liebt, was sie tut. Und dass ihr Lächeln vor der Kamera nicht nur gespielt, sondern echt ist. «Ich möchte meine Freude an dem, was ich mach einfach nicht verstecken», sagt sie lachend.
Von Desirée Müller